REINER WEIN - Herkunft Zellenberg
Ein Ort im Elsass macht auf sich aufmerksam.

Von Stephan Reinhardt



Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.08.2022,
LEBEN (Leben), Seite 14, Ausgabe D1

Im Elsass gibt es auch jenseits der nunmehr seit Jahrzehnten bekannten Namen wie Zind-Humbrecht, Trimbach, Weinbach, Josmeyer oder auch Hugel Weine zu entdecken, die auf gleichem oder gar noch höherem Niveau stehen.
Marc und Anne-Marie Tempé etwa gehen zwar stramm auf die Rente zu – und wer weiß, was aus ihrer Domäne in Zellenberg einmal wird, wenn sie diese abgegeben haben. Gemessen an der stupenden Qualität der Weine aber ist der Name Tempé noch immer viel zu unbekannt, vor allem hierzulande, wo allein – aus alter Freundschaft – Gastronom und Weinhändler Vincent Moissonnier die Weine vertreibt (lemoissonnier.de).

Marc Tempé begann erst in den frühen 1990er-Jahren selbst Weine zu vermarkten, nachdem er zuvor für die INAO tätig war, ein staatliches Institut, das für französische landwirtschaftliche Produkte mit offiziellen Ursprungs- und Qualitätskennzeichen zuständig ist. Dann aber übernahm er das kleine elterliche Gut auf dem Hügeldorf bei Riquewihr und stellte es 1996, als einer der Ersten im Elsass, auf biodynamische Wirtschaftsweise um. Biodynamisch zu arbeiten heißt, vorbeugend und ökologisch zu arbeiten, und zwar unter Beachtung des Mondkalenders und durch Anwendung spezieller Kompostpräparate wie Hornmist und Hornkiesel. Mir gefällt sehr, wie Tempé – überhaupt viele Winzer Frankreichs – über Wein denken und wie sie mit den Reben, Trauben, Mosten und werdenden Weinen arbeiten: immer den Ausdruck des Weinbergs und der Traube fördernd, nie der Mode folgend.

Der Weg vom Weinberg ins Glas scheint mir bei Tempé immer schlüssig.
Nie habe ich das Gefühl, hier würde der Winzer den Wein im Ausdruck nach eigenen Ideen noch verändern, indem er etwa die Trauben besonders lange
auslaugt oder den Most frühzeitig schwefelt, um weitere biochemische Prozesse
zu unterbinden. Tempé glaubt an die Güte seines terroir (oder Weinbergs) sowie
an die Qualität seiner Trauben. Die oft modischen Erfordernisse des Marktes
interessieren ihn nicht. Legale Tuning-Möglichkeiten, Wein durch Einsatz von
Hilfsstoffen zu erzeugen, gibt es ja viele. Aber die Kunst eines Marc Tempé und
anderer großer Winzer besteht eben im Weglassen und darin, sich seine treue
Kundschaft durch Einzigartigkeit anstatt pure Andersartigkeit heranzuziehen.

 

Tatsächlich haben sich die großen Weine dieser Welt über Jahrzehnte (oder noch länger) weder in Stil noch Qualität wesentlich verändert. Stattdessen ist ihnen eine wiedererkennbare Art zu eigen, da sie immer sie selbst geblieben sind – auch in Zeiten klimatischer wie auch ökonomischer Herausforderungen. Tempé arbeitet sehr aufwendig im Weinberg, immer darauf bedacht, auf einem gut durchwurzelten Boden von gesunden Reben vollreife und saubere Trauben höchster Qualität lesen zu können ohne den Einsatz synthetischer Mittel. Auch seine auf Wissen und Urvertrauen beruhende Vinifikation – also wie er seinen Wein macht – gibt den Mosten und werdenden Weinen alle Entfaltungsmöglichkeiten, ohne dass er substanziell eingreifen würde. Freilich folgt jeder Schritt vom Lesezeitpunkt bis zur Flaschenfüllung einer Entscheidung – ein Wein macht sich nicht selbst. Aber hier dient sie immer dem Ziel, die Einzigartigkeit des Orts, also der kleinsten Herkunft,
im Wein erkennbar zu machen.

Das gelingt Tempé vortrefflich schon in den Weinen, die nicht aus klassifizierten Grand-Cru-, sondern aus Ortslagen kommen, etwa von den lehmigen Kalkböden in Zellenberg. Unter den Pinot Noirs bietet der über sechs Wochen vergorene, nahezu zwei Jahre auf der Hefe ausgebaute und vor einem Jahr ungefiltert und mit nur wenig Schwefel abgefüllte 2019er „AmZelle“ mehr als viele Burgunder zu diesem Preis (39,50 Euro): einen klaren, feinen Pinot-Ton im klaren, eleganten Duft sowie eine seidig-elegante, saftige Textur mit konzentrierter, aber saftig-frischer Frucht sowie bemerkenswerter Frische, die zu einem langen, nachhaltig strukturierten Abgang führt. Vor Genuss sollte der sich nur langsam entfaltende Wein in der Karaffe sechs Stunden Luft geschnuppert haben.

Gleich genussfähig ist der goldgelbe 2019er Riesling „AmZelle“ (24,50 Euro) aus der windoffenen, später reifenden Ostflanke des Zellenbergs, der zwei Jahre im großen Eichenholzfass heranreifen durfte. Er zeigt ein dichtes, komplexes und aromatisches Bouquet von gelben Pflaumen mit zitronigen sowie kalkigen Gesteinsnoten. Am Gaumen ist dieser vollmundige, balancierte Riesling raffiniert und elegant und entwickelt einen intensiven, salzigen Abgang mit feinherben Zitrusnoten, der von delikaten Gerbstoffen getragen wird.
Von hier ist der Weg zu seinen komplexen Grands Crus aus dem Schoenenbourg (42 Euro) und dem Mambourg (56 Euro), die zu den großen trockenen Rieslingen der Welt zählen, nicht mehr sehr weit.

 

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